„Jetzt zählt’s! Vorfahrt für Solidarität. Für einen starken Sozialstaat und sichere Arbeitsplätze in der Region Stuttgart“ – unter diesem Motto rollte am 9. Juli ein Autokorso der IG Metall Stuttgart vom Fernsehturm durch die Innenstadt und wieder hinauf. Aus den Fenstern wehten IG-Metall-Fahnen, auf Rücksitzen lagen Schilder, an Ampeln wurde gehupt. Nicht als Show. Sondern als unüberhörbare Ansage aus den Betrieben.
In den Autos saßen Kolleginnen und Kollegen, die jeden Tag Entwicklung, Produktion, Qualität, Ausbildung und Service möglich machen. Viele aus der Automobil- und Zuliefererindustrie. Betriebsräte, Vertrauensleute und betrieblich Aktive, die wissen: Was gerade politisch und wirtschaftlich passiert, entscheidet darüber, wie sicher Arbeit morgen noch ist – und welche Perspektive die nächste Generation in der Region Stuttgart hat. Unterstützt wurde sie in ihrem Protest auch von Kolleginnen und Kollegen aus anderen Branchen und den IG Metall Senior*innen.
Wenn Krankheit, Pflege und Rente zur Belastungsprobe werden
Ein Grund für den Protest sind die geplanten Sozialstaatsreformen der Bundesregierung. Unter dem Begriff Reform stehen Kürzungen, Verteuerungen und Verschlechterungen im Raum: höhere Zuzahlungen bei Medikamenten und Krankenhausaufenthalten, Einschränkungen bei der Familienversicherung und neue Unsicherheiten etwa durch eine geplante Teilkrankschreibung. Die IG Metall Stuttgart kritisiert diese Pläne als einseitige Mehrbelastung für Versicherte.
Auch bei der Rente drohen Einschnitte. Die geplante Erhöhung des Renteneintrittsalters, die Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren und Einschnitte bei der Altersteilzeit lehnt die IG Metall ab. Für viele Beschäftigte, die jahrzehntelang Schichtarbeit, körperliche Belastung oder Verantwortung getragen haben, ist das keine abstrakte Debatte. Es geht um die Anerkennung ihrer Lebensleistung.
Jennifer Thieskes, Betriebsratsvorsitzende der Mahle GmbH, betonte in diesem Zusammenhang:
„Die Beschäftigten stemmen seit Jahren Krisen, Lieferengpässe und wirtschaftlichen Wandel. Jetzt dürfen sie nicht auch noch die Zeche für einen Rückbau des Sozialstaats zahlen. Wer Sicherheit bei Krankheit, Pflege und Rente infrage stellt, gefährdet den Zusammenhalt in unseren Betrieben und in der Gesellschaft und letztlich den sozialen Frieden im Land.“
Die Gewerkschaften haben Alternativen vorgelegt: solidarische Reformen für eine bessere und bezahlbare Gesundheitsversorgung, eine Rente, die den Lebensstandard sichert, und eine Finanzierung, die auch Vermögen und besonders hohe Einkommen stärker heranzieht. Denn ein starker Sozialstaat darf nicht vor nur von denen getragen werden, die Wirtschaft und Gesellschaft täglich am Laufen halten.
Die Beschäftigten haben die Krise nicht verursacht
Gleichzeitig wächst der Druck in der Automobilindustrie. Arbeitgeber drohen mit Kündigungen, Standortschließungen und Verlagerungen. Bei Volkswagen sorgen Berichte über mögliche massive Einschnitte und gefährdete Standorte für Verunsicherung in Belegschaften und den betroffenen Regionen. Bei Porsche stehen laut Berichten bis zu 4.000 weitere Stellen zur Disposition. Der Autokorso war daher auch explizit Teil der bundesweiten Aktionen an den Standorten des VW-Konzerns und ein solidarisches Zeichen an die betroffenen Kolleginnen und Kollegen. Aus Zuffenhausen waren zahlreiche Teilnehmende beim Autokorso dabei. Vertreterinnen und Vertreter von IG Metall und Betriebsräten bei Porsche waren parallel zum Autokorso bei der Aufsichtsratssitzung in Wolfsburg.
Dazu kommen Forderungen nach längeren Arbeitszeiten bis hin zur 40-Stunden-Woche sowie nach Verschiebung oder Kürzung tariflicher Sonderzahlungen, so zuletzt bei Mercedes-Benz. Für viele Kolleginnen und Kollegen fühlt sich das wie eine doppelte Botschaft an: Erst wird ihre Leistung gelobt, dann sollen sie für wirtschaftliche Fehlentscheidungen und Transformationsdruck zahlen.
Doch die Beschäftigten haben die wirtschaftlichen Herausforderungen nicht verursacht. Sie haben Fahrzeuge gebaut, Komponenten entwickelt, Prozesse verbessert, Qualität gesichert und Wandel im Betrieb mitgetragen. Die Lasten der Transformation dürfen nicht einseitig auf sie abgewälzt werden.
Eleftherios Tolmidis, Vertrauenskörperleiter bei Mercedes-Benz Standort Sindelfingen, sagte dazu:
„Unsere Kolleginnen und Kollegen sind bereit, den Wandel der Industrie mitzugestalten. Mehr Arbeitszeit, weniger Schutz und ständige Verunsicherung sind aber kein Konzept für eine erfolgreiche Transformation. Die Beschäftigten erwarten zu Recht Respekt für ihre Leistung und Perspektiven für ihre Zukunft. Das ist auch wichtig für andere Branchen, wie Handwerk und Dienstleistungen, sowie die soziale und öffentliche Infrastruktur.“
Die 35-Stunden-Woche und tarifliche Standards sind keine Selbstverständlichkeit. Sie sind erkämpfte Zeit, erkämpftes Einkommen, erkämpfte Sicherheit. Wer daran rüttelt, greift in Lebensplanung ein – bei Facharbeiterinnen, Ingenieuren, Auszubildenden, Eltern, Pflegenden und allen, die nach der Arbeit noch ein Leben haben.
José-Miguel Revilla, Vertrauenskörperleiter bei Mercedes-Benz Standort Untertürkheim, machte deutlich: „Als Beschäftigte sitzen wir unabhängig von Marken und Tätigkeiten im selben Boot. Wer heute Standorte gegeneinander ausspielt und Arbeitsplätze abbaut, bekommt unseren gemeinsamen Widerstand zu spüren. Wir kämpfen für sichere Arbeit und starke Industriestandorte. Davon profitieren auch unsere Kommunen und alle Teile der Gesellschaft.“
Eine Region schaut hin
Während der Korso durch Stuttgart fuhr, wurde sichtbar: Dieser Konflikt endet nicht am Werkstor. Passantinnen und Passanten blieben stehen, filmten, winkten, manche nickten ernst. Denn sichere Industriearbeit bedeutet auch Kaufkraft, Ausbildung, kommunale Einnahmen, Aufträge fürs Handwerk, Perspektiven für Zulieferer und Stabilität für ganze Stadtteile.
Zurück am Fernsehturm war die Stimmung entschlossen. Keine Resignation, kein blinder Ärger. Sondern der klare Wille, nicht still zuzusehen, wenn Zukunft durch Kürzungen, längere Arbeitszeiten und Drohkulissen ersetzt werden soll.
Liane Papaioannou, 1. Bevollmächtigte und Geschäftsführerin der IG Metall Stuttgart, brachte die Botschaft der Kundgebung auf den Punkt:
„Mitbestimmung und Tarifverträge, Solidarität und ein starker Sozialstaat sind keine Extras für gute Zeiten. Sie sind das Fundament für Sicherheit, Würde und Zukunft – für die Beschäftigten von heute und für die nächsten Generationen in unserer Region.“
Antonio Potenza, Kassierer und Geschäftsführer der IG Metall Stuttgart, fasste in seinem Schlusswort den Tag zusammen:
„Dieser Autokorso war ein starkes Zeichen aus den Betrieben: Wir lassen nicht zu, dass sichere Industriearbeit und soziale Absicherung gegeneinander ausgespielt werden. Eine starke Region braucht gute Arbeitsplätze, Tarifbindung und einen Sozialstaat, der schützt statt belastet.“
Der Autokorso hat gezeigt: Wenn Beschäftigte zusammenstehen, wird aus Verunsicherung Kraft. Und aus Sorge eine klare Ansage: Die Zukunft der Industrie wird nicht gegen die Menschen entschieden, die sie jeden Tag möglich machen.
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