Rückblick 1. Mai 2026 in Sindelfingen

Zum Tag der Arbeit kamen die Kolleginnen und Kollegen unter dem Motto: "Erst unsere Jobs, dann eure Profite!", bei bestem Wetter zur Demo und Kundgebung in Sindelfingen zusammen.

1. Mai 2026 in Sindelfingen


Die IG Metall forderte zum 1. Mai klare industriepolitische Antworten auf die Krise der Industrie. Bei der Kundgebung in Sindelfingen machte Barbara Resch, Bezirksleiterin der IG Metall Baden-Württemberg, deutlich: Die Beschäftigten im Südwesten seien nicht das Problem, sondern die Grundlage für Wohlstand, Innovation und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Auf der gemeinsamen Demonstration durch Sindelfingen waren die Kolleg*innen der IG Metall und der anderen DGB-Gewerkschaften zuvor gut hör- und sichtbar aufgetreten. Durch die Kundgebung führte der Okan Özkan, der in seiner Eröffnung die Bedeutung des Tages vervorhob: "Am Tag der Arbeit gehen wir auf die Straße, um zu zeigen, was wir gemeinsam erreichen können, wenn wir uns organisieren, wenn wir zusammenstehen, wenn wir unsere Stimme erheben. Gewerkschaften sind dabei mehr denn je unsere kollektive Schutz- und Gegenmacht – gerade dann, wenn es darum geht, die Interessen der Beschäftigten zu verteidigen."


1. Mai 2026 in Sindelfingen

Deutliche Worte von Barbara Resch zu Industriepolitik, Sozialpolitik und kommender Tarifrunde

„Es gibt Orte in diesem Land, da wird viel über die Zukunft geredet. Und es gibt Orte, da wird sie gebaut. Sindelfingen ist so ein Ort“, sagte Resch mit Blick auf die Beschäftigten bei Mercedes-Benz, den Zulieferern und Dienstleistern der Region. „Hier wird nicht über Mobilität philosophiert – hier wird sie in Blech, Software und Präzision gegossen. Die Beschäftigten bauen die besten Autos der Welt, weil sie das Wissen, die Erfahrung und den Stolz auf ihre Arbeit haben.“

Resch kritisierte scharf, dass viele Unternehmen in der Krise vor allem auf Kostensenkung, Stellenabbau und Verlagerung setzten. Die Lage in der Industrie sei ernst. Aber wer jetzt nur über angeblich zu hohe Kosten jammere, mache es sich zu einfach. „Wir sehen Investitionsarmut, Digitalisierungsstau und Modernisierungsblockaden. Zu viele Manager verwalten den Rückzug, statt mit Mut, Ehrgeiz und klarer Strategie ein neues Kapitel Industriegeschichte in Baden-Württemberg zu schreiben.“

Die Transformation der Automobilindustrie bezeichnete Resch als „Operation am offenen Herzen – bei voller Fahrt auf der Autobahn“. Die Beschäftigten hielten heute die Produktion am Laufen und erwirtschafteten die Mittel, die für die Zukunft der Elektromobilität gebraucht würden. „Wir haben keine Angst vor der Zukunft. Aber wir haben eine verdammt große Wut auf Vorstände, die keine Vision haben“, sagte Resch. „Diese Transformation ist keine Generalprobe. Wir brauchen jetzt schnelle, gute Entscheidungen – und kein Zögern mehr.“

Besonders deutlich wandte sich Resch gegen die Vorstellung, Industrie sei ein beliebiger Wirtschaftszweig unter vielen. „Industrie ist nicht einfach systemrelevant. Industrie ist das System“, sagte sie. „Wenn in den Hallen in Sindelfingen das Licht ausgeht, dann wird es in der ganzen Kommune dunkel. Wer die Industrie opfert oder ihr beim Schrumpfen zusieht, der gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Baden-Württemberg.“

Mit Blick auf aktuelle Debatten über längere Lebensarbeitszeiten, Einschnitte bei Sozialleistungen und Angriffe auf Arbeitnehmerrechte sprach Resch von „sozialem Kahlschlag“. Wer Beschäftigte krank zur Arbeit dränge, die Rente immer weiter nach hinten schieben oder soziale Sicherheiten schleifen wolle, habe den Kontakt zur Realität in den Betrieben verloren. Das sei kein Rettungsplan, das sei ein Angriff auf Würde und Lebensleistung. „Kein selbstbezahlter Zahnersatz verkauft ein einziges Auto mehr. Solche Debatten lenken nur davon ab, dass andere bei Strategie, Investitionen und Innovation geschlafen haben,“ betonte die Gewerkschaftschefin weiter.

Resch forderte von Politik und Arbeitgebern ein klares industriepolitisches Umsteuern. Notwendig seien ein wirksamer Industriestrompreis, massive Investitionen in Infrastruktur, Planungsbeschleunigung, Qualifizierung und eine faire Handelspolitik. „Wir brauchen keinen Protektionismus, aber Gerechtigkeit auf dem Weltmarkt. Es kann nicht sein, dass wir unter höchsten Standards produzieren, während andere unsere Märkte mit Dumping-Produkten fluten. Der beste Zeitpunkt für ein Umsteuern wäre gestern gewesen – der zweitbeste ist heute.“

Deutliche Worte fand Resch auch für rechtspopulistische Kräfte. Die Unzufriedenheit vieler Beschäftigter sei real und habe mit politischer Mutlosigkeit der vergangenen Jahre zu tun. „Aber wer mit dem aktuellen Busfahrer unzufrieden ist, steigt doch nicht in einen Geisterfahrer-Bus um“, sagte Resch. Die AfD habe keine Antwort auf Transformation, Energiepreise, Standortpolitik oder Beschäftigungssicherung. „Nostalgie ist keine Strategie. Abschottung, EU-Austritt und Angriffe auf Tarifverträge retten keinen einzigen Arbeitsplatz. Wer glaubt, man könne so die Industrie retten, glaubt auch, man könne einen Motorschaden reparieren, indem man Sand in den Tank schüttet.“

Mit Blick auf die kommende Tarifrunde kündigte Resch eine klare Haltung der IG Metall an. „Manche glauben, sie könnten im Windschatten der Krise mit einfachen Tricks durchkommen. Die täuschen sich gewaltig“, sagte Resch. „Wir sind konstruktiv, aber wir sind nicht zahm. Im Gegenteil: Wenn der Wind rauer wird, schließen wir die Reihen. Wir kämpfen für unsere Jobs, unsere Familien und unsere Würde. Denn die Zukunft braucht Menschen und die Menschen brauchen eine Zukunft.“


Gewerkschaftsjugend mit Fokus auf Lebenshaltungskosten, Ausbildung und klarem Zeichen gegen Wehrpflicht

In seiner Rede für die Gewerkschaftsjugend betonte Theodros Teklu, Vorsitzender der Jugend- und Auszubildendenvertretung bei Mercedes-Benz am Standort Sindelfingen, die Schwerpunkte der jungen Beschäftigten, Auszubildenden und Studierenden. Gleich zu Beginn ging er dabei auf die Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht ein: "Unsere Zukunft liegt nicht auf dem Schlachtfeld! Wir wollen keinen Krieg. Wir wollen Frieden und Diplomatie. Wir wollen keine Rückkehr zur Wehrpflicht und keine immer weiter steigenden Ausgaben für Rüstung." Dabei stellte er auch die Verbindung zu weiteren Jugendthemen her: "Statt Milliarden in Waffen zu investieren, sollte dieses Geld in Bildung, soziale Sicherheit und in die Ausbildung junger Menschen in diesem Land fließen." Dazu gehörten mehr Mittel und Investitionen in Bildung, berufliche Ausbildung und eine Stärkung der berufsbildenden Schulen.

Teklu kritisierte scharf den Rückgang betrieblicher Ausbildungsplätze. "Viele junge Menschen suchen verzweifelt nach einem Ausbildungsplatz und gleichzeitig beklagen Unternehmen, keine passenden Bewerber zu finden. Doch wenn man genauer hinschaut, liegt das Problem nicht nur bei den jungen Menschen. Neben dem Fachkräftemangel sehen wir auch, dass Unternehmen Ausbildungsplätze abbauen, Übernahmegarantien fehlen und die Anforderungen immer weiter steigen.", sagte er und richtete eine starke Forderung an die Unternehmen: "Wer Nachwuchs will und konkurrenzfähig bleiben möchte, muss auch bereit sein, in Ausbildung zu investieren. Junge Menschen brauchen Perspektiven und sie brauchen Planungssicherheit."

Angesichts kaum noch bezahlbarer Wohnungen und anderer gestiegener Lebenshaltungskosten zeigte Teklu die Situation vieler junger Menschen auf: "Ich kenne selbst Auszubildende und dual Studierende, die gezwungen sind, den Großteil ihres Einkommens für Miete auszugeben. Viele müssen zusätzlich arbeiten, nur um sich das Nötigste leisten zu können wie Essen, Mobilität und ein normales Leben. Das ist kein Zustand. Und das darf kein Zustand bleiben." Hier brauche es Lösungen, die zu spürbaren Entlastungen, z.B. bei Wohn- und Energiekosten, führen.


1. Mai in Sindelfingen: Sonnig und kämpferisch

Mit weiteren Reden von Kolleg*innen der GEW und ver.di sowie musikalischer Begleitung durch die Band Lightning Crashes wurde ein sonniger, kämpferischer 1. Mai in Sindelfingen abgerundet. Okan Özkan schloss mit den Worten: "Was wir heute gehört haben, macht deutlich, wofür wir stehen – und wofür wir kämpfen: Für eine Politik, die auf die Stärken dieses Landes aufbaut und sie weiterentwickelt. Für einen starken Sozialstaat. Für Gute Arbeit. Und für eine starke Wirtschaft. Dieser Dreiklang ist kein Wunschdenken – er ist der Schlüssel. Eine Politik, die ihn verwirklicht, schafft Vertrauen. Sie stärkt unsere Demokratie. Und sie bietet den besten Schutz gegen ihre inneren und äußeren Feinde. Unsere klare Botschaft lautet: Erst unsere Jobs, dann eure Profite!"