Große Themen, klare Positionen und ein gemeinsamer Blick nach vorn: Auf der Delegiertenversammlung der IG Metall Stuttgart diskutierten die Delegierten über die Zukunft des Sozialstaats, die Herausforderungen in den Betrieben und die politischen Rahmenbedingungen für gute Arbeit. Zentrale Themen waren die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung, der Koalitionsvertrag in Baden-Württemberg, die Bilanz der Betriebsratswahlen sowie das Jubiläumsjahr der IG Metall Stuttgart.
Betriebsratswahlen: Starke Ergebnisse, härtere Auseinandersetzungen
Ein erster Schwerpunkt war der Rückblick auf die Betriebsratswahlen, den Antonio Potenza, Geschäftsführer und Kassierer der IG Metall Stuttgart präsentierte. Die IG Metall konnte in vielen Betrieben ihre Position behaupten oder ausbauen. Gleichzeitig haben sich die Auseinandersetzungen verschärft. „Wir sehen, dass Konflikte härter geführt werden, umso wichtiger ist eine starke, sichtbare Interessenvertretung im Betrieb“, betonte er. Es bleibe entscheidend, Beschäftigte einzubinden und demokratische Mitbestimmung aktiv zu verteidigen.
Koalitionsvertrag: Ansätze vorhanden, Fokus auf die Beschäftigten fehlt
Anschließend stellte Liane Papaioannou, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Stuttgart, die zentralen Punkte des Koalitionsvertrags der neuen Landesregierung vor. Deutlich wurde: Es gibt richtige Ansätze für Industrie und Technologie, doch es fehlt an konkreter Umsetzung und Verbindlichkeit. Mit Blick auf Industrie und Arbeitsplätze braucht es aus Sicht der IG Metall deutlich mehr Tempo und klare politische Entscheidungen. Wenn öffentliche Fördergelder beispielsweise nicht an Tarifbindung geknüpft werden, ist das ein strategischer Fehler. Gute Arbeit sei kein Nebenprodukt von Wachstum, sondern dessen Voraussetzung.
Tarifrunde 2026: Forderungsdebatte gestartet
Mit Blick auf die kommende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie berichtete Liane Papaioannou über die aktuelle wirtschaftliche Lage in den Betrieben, im Land und international. Das Bild ist gemischt: Während einige Unternehmen weiterhin gute Gewinne erzielen, stehen andere vor erheblichen Herausforderungen. Gleichzeitig steigen die Belastungen für die Beschäftigten spürbar, etwa bei Mieten, Energie und Lebenshaltungskosten. Vor diesem Hintergrund startete Anfang Juni die Forderungsdebatte der IG Metall. Noch bis zum 28. August 2026 läuft eine bundesweite Beschäftigtenbefragung, mit der die Erwartungen und Prioritäten für die Tarifrunde ermittelt werden.
Im Zentrum stehen Fragen wie: Wie läuft es im Betrieb? Welche Themen sind wichtig? Welche Forderungen sind angemessen? „Die Beschäftigten halten mit ihrer täglichen Arbeit die Betriebe am Laufen, auch in schwierigen Zeiten. Das verdient Respekt und einen fairen Anteil“, betonte Papaioannou. Debatten über angeblich mangelnde Leistungsbereitschaft wies sie dabei klar zurück.
JAV- und SBV-Wahlen im Herbst: Jetzt vorbereiten
Mit Blick auf die kommenden Monate wies Liane Papaioannou außerdem auf die anstehenden Wahlen der Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) sowie der Schwerbehindertenvertretungen (SBV) im Herbst hin. Beide Wahlen sind von großer Bedeutung für die betriebliche Interessenvertretung und die Durchsetzung guter Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen.
Gerade in Zeiten von Transformation und wachsendem Druck in den Betrieben komme es darauf an, junge Beschäftigte und Kolleginnen und Kollegen mit Behinderung stark zu vertreten und ihre Interessen sichtbar zu machen. „Die JAV- und SBV-Wahlen sind ein wichtiger Baustein für mehr Mitbestimmung und Solidarität im Betrieb“, betonte Papaioannou. Ziel sei es, möglichst viele engagierte Kandidatinnen und Kandidaten zu gewinnen und die betriebliche Verankerung der IG Metall weiter zu stärken.
Sozialstaat stärken – GKV-Reform kritisch bewertet
Liane Papaioannou ordnete die aktuelle Debatte um die Reform des Sozialstaats ein. Im Mittelpunkt stand dabei die geplante Reform der gesetzlichen Krankenversicherung. Aus Sicht der IG Metall drohen zentrale Grundprinzipien des Sozialstaats weiter ausgehöhlt zu werden. „Ein Sozialstaat, der verunsichert statt schützt, wird seiner Aufgabe nicht gerecht“, machte sie deutlich.
Kritisch bewertet wurde insbesondere die einseitige Verschiebung von Kosten auf die Versicherten. Steigende Zusatzbeiträge, Leistungseinschränkungen und unzureichende staatliche Finanzierung versicherungsfremder Leistungen führen dazu, dass die Beschäftigten immer stärker belastet werden. Gleichzeitig ziehen sich Arbeitgeber und Staat zunehmend aus ihrer Verantwortung zurück. Die Folge: eine schleichende Entsolidarisierung des Systems.
Die IG Metall fordert stattdessen eine nachhaltige und gerechte Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung. Dazu gehört, versicherungsfremde Leistungen vollständig aus Steuermitteln zu finanzieren, die Arbeitgeber wieder stärker an den Kosten zu beteiligen und die Einnahmebasis durch eine Ausweitung der Versichertengemeinschaft zu stabilisieren. Auch das Leistungsniveau müsse gesichert und ausgebaut werden, statt es weiter unter Druck zu setzen. „Gesundheit darf keine Frage des Geldbeutels sein – sie ist ein zentrales soziales Grundrecht“, betonte Papaioannou.
Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit und tiefgreifender Transformation brauche es einen starken Sozialstaat, der Sicherheit gibt und Vertrauen schafft. „Die Menschen erwarten zu Recht, dass sie sich auf die sozialen Sicherungssysteme verlassen können – heute und in Zukunft.“
Mitgliederarbeit und -beteiligung: Blick nach vorn
Tamara Hübner, Zweite Bevollmächtigte und Geschäftsführerin, stellte die Ergebnisse der Befragung „Was ist für dich gute Arbeit? Was ist für dich gutes Leben?“ vor und gab Einblicke in die Erwartungen und Prioritäten der Beschäftigten. Deutlich wurde, wie wichtig Themen wie faire Bezahlung, Arbeitsplatzsicherheit sowie Wertschätzung und Respekt sind. „Die Rückmeldungen zeigen klar: Gute Arbeit und ein gutes Leben gehören zusammen und beides braucht starke Mitbestimmung und eine aktive IG Metall“, fasste Hübner zusammen.
Klare Haltung in bewegten Zeiten
In der Aussprache brachten sich zahlreiche Betriebsrät*innen, Vertrauensleute und Vertreter*innen der Senioren‑Stadtbezirke mit engagierten Wortbeiträgen ein. Unter anderem wies die IG Metall Jugend auf die gemeinsame Petition von DGB und GEW „Versprochen ist versprochen – BAföG jetzt retten!“ hin. Sie machte deutlich, dass die angekündigte BAföG‑Reform auf der Kippe steht und forderte, die Versprechen aus dem Koalitionsvertrag endlich umzusetzen. CDU/CSU und SPD hatten eine Erhöhung der Wohnkostenpauschale auf 440 Euro pro Monat, eine Dynamisierung der Freibeträge sowie eine dauerhafte Anpassung des Grundbedarfs an das Grundsicherungsniveau versprochen. Außerdem sollte der BAföG-Bezug vereinfacht, digitalisiert und beschleunigt werden. Die Maßnahmen sollten zum Schuljahresbeginn beziehungsweise zum Wintersemester 2026/27 in Kraft treten. Hier geht es zur Petition: Versprochen ist versprochen - BAföG jetzt retten! | WeAct
Nachwahl zur Tarifkommission im Kfz-Handwerk
Im Rahmen der Delegiertenversammlung standen zudem eine Nachwahl für die Tarifkommission im Kfz-Handwerk an: Christian Beier, Mitglied des Betriebsrats bei der Mercedes-Benz Group AG Niederlassung Stuttgart, wurde neu in die Tarifkommission gewählt. Er übernimmt das Mandat von Ingo Kontny und wird künftig die Interessen der Beschäftigten aus der Region Stuttgart auf tarifpolitischer Ebene vertreten.
Stuttgart im „Parlament der Arbeit“ vertreten
Papaioannou berichtete außerdem vom 23. Ordentlichen Bundeskongress (OBK) des DGB in Berlin. Elvita Bekolli und Liane Papaioannou vertraten die IG Metall Stuttgart im höchsten Gremium des DGB, dem Parlament der Arbeit.
Jubiläumsjahr
Zum Abschluss richtete Tamara Hübner den Blick auf das Jubiläumsjahr „80 Jahre IG Metall Stuttgart“. „Unsere Geschichte zeigt, was wir gemeinsam erreichen können und sie motiviert uns für die Aufgaben, die vor uns liegen“, sagte sie. Sie warb für die begleitende Videoreihe, die auf der Website abrufbar ist https://stuttgart.igmetall.de/80jahre