Vor dem Cannstatter Tor am Mercedes-Benz Standort Untertürkheim war die Botschaft der Beschäftigten unmissverständlich: Es geht um ihre Arbeitsplätze, ihre Arbeitsbedingungen und die Zukunft der deutschen Standorte - und die wollen sie sich nicht nehmen lassen. Zwischen Transparenten, wehenden IG‑Metall‑Fahnen und kraftvollen Sprechchören lag die Anspannung förmlich in der Luft. Die Sorge um die Zukunft war deutlich spürbar – ebenso wie der starke Zusammenhalt und die Entschlossenheit der Belegschaft, für ihre Interessen einzustehen. Rund 2.000 Kolleginnen und Kollegen unterbrachen ihre Arbeit, um gemeinsam bei einer Kundgebung der IG Metall ein klares Zeichen zu setzen.
Die IG Metall hatte zu bundesweiten Protest-Kundgebungen an den Standorten von Mercedes-Benz aufgerufen. Anlass ist die vom Vorstand angekündigte „Produktivitätsoffensive für Deutschland“ und die damit verbundenen Sparmaßnahmen. Aus Sicht der IG Metall richten sich diese Maßnahmen einseitig gegen die Beschäftigten und stellen zentrale tarifliche Errungenschaften infrage.
Die Beschäftigten haben den Erfolg erarbeitet – nicht die aktuelle Krise verursacht
Wer in Untertürkheim mit Kolleginnen und Kollegen spricht, hört immer wieder dieselbe Botschaft: Die Belegschaften haben Mercedes-Benz über Jahrzehnte hinweg erfolgreich gemacht. Sie haben Innovationen umgesetzt, Krisen bewältigt, neue Technologien eingeführt und den Wandel der Branche getragen. Umso größer ist das Unverständnis darüber, dass nun ausgerechnet die Beschäftigten erneut die Hauptlast tragen sollen.
Michael Häberle, Betriebsratsvorsitzender des Mercedes-Benz Standorts Untertürkheim, brachte dies auf den Punkt:
„In der aktuellen Situation wird erneut versucht, die Lasten nach unten zu verlagern. Die Beschäftigten sollen verzichten, während die strategischen Entscheidungen anderswo getroffen wurden. Wir sagen klar: Transformation braucht Mitbestimmung, faire Lastenverteilung und Verantwortung an der richtigen Stelle und nicht einseitigen Druck auf die Belegschaft.“
Für viele Kolleginnen und Kollegen geht es dabei um eine grundlegende Gerechtigkeitsfrage. Sie haben die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen nicht verursacht. Trotzdem sollen sie nun über längere Arbeitszeiten, weniger Leistungen oder den Abbau von Standards einen Preis dafür bezahlen.
Verlässlichkeit statt Unsicherheit
Die Diskussionen der vergangenen Monate haben Spuren hinterlassen. Viele Beschäftigte fragen sich, welche Rolle die deutschen Standorte künftig spielen sollen und welche Produkte langfristig hier entwickelt und gebaut werden. Diese Unsicherheit war auf der Kundgebung deutlich spürbar.
Serkan Senol, Betriebsrat am Mercedes-Benz Standort Untertürkheim, schilderte die Stimmung so:
„Der Frust ist bei allen Beschäftigten deutlich zu spüren. Sie haben ein berechtigtes Interesse an Klarheit und verlässlichen Signalen für die Zukunft der Standorte.“
Hinter dieser Forderung steht mehr als der Wunsch nach Planungssicherheit. Es geht um die Perspektive ganzer Familien. Es geht um junge Menschen, die heute eine Ausbildung beginnen oder sich für eine Zukunft in der Industrie entscheiden. Die Beschäftigten erwarten Antworten darauf, welche Produkte künftig in Deutschland gefertigt werden, welche Investitionen geplant sind und wie die industrielle Zukunft der Standorte gesichert werden soll.
Zukunft entsteht durch Investitionen – nicht durch das Schleifen von Standards
Im Zentrum der Proteste stand auch die Verteidigung tariflicher Errungenschaften. Die 35-Stunden-Woche, tarifliche Sozialstandards und Sonderzahlungen sind keine freiwilligen Leistungen. Sie wurden über Jahrzehnte erkämpft und haben gute Arbeit, Gesundheit und soziale Sicherheit ermöglicht. Viele Beschäftigte sehen deshalb die aktuellen Debatten mit Sorge. Denn wer heute Standards infrage stellt, stellt auch die Attraktivität industrieller Arbeit infrage.
Lucas Merkel, Betriebsratsvorsitzender der Mercedes-Benz Group AG Zentrale, machte deutlich, worauf es stattdessen ankommt:
„Der Konzern steht in der Verantwortung, Transformation aktiv zu gestalten. Dazu gehören Investitionen, Innovationskraft und der Erhalt von Know-how, nicht das Schleifen von Standards, die über Jahrzehnte erkämpft wurden.“
Die Kolleginnen und Kollegen in Untertürkheim wissen: Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht durch mehr Druck auf die Belegschaften. Sie entsteht durch moderne Produkte, technologische Stärke und die Fähigkeit, Innovationen in die Serie zu bringen. Dafür braucht es Investitionen in deutsche Standorte, Forschung, Entwicklung und Produktion – und die Menschen, die dieses Know-how jeden Tag einbringen.
Wer trägt die Kosten der Transformation?
Die Auseinandersetzung bei Mercedes-Benz steht exemplarisch für eine Entwicklung, die derzeit viele Industriebetriebe betrifft. Unter dem Druck von Transformation, internationalem Wettbewerb und wirtschaftlichen Unsicherheiten geraten tarifliche Standards, Arbeitszeiten und soziale Sicherungssysteme zunehmend ins Visier.
Im Kern geht es um eine politische Frage: Wer trägt die Kosten des Wandels? Für die IG Metall ist die Antwort klar. Gute Arbeit, sichere Arbeitsplätze und starke Tarifverträge dürfen nicht zum Verfügungsgegenstand werden, wenn Unternehmen vor Herausforderungen stehen.
Antonio Potenza, Kassierer und Geschäftsführer der IG Metall Stuttgart, sagte dazu:
„Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht durch längere Arbeitszeiten oder weniger Leistungen. Wettbewerbsfähigkeit entsteht durch gute Produkte, qualifizierte Beschäftigte, Innovationen und Investitionen. Genau darüber muss die Debatte jetzt geführt werden. Das Unternehmen trägt dabei die Verantwortung. Diese darf nicht auf die Beschäftigten abgewälzt werden.“
Die IG Metall fordert deshalb gute Arbeitsbedingungen in der Transformation, sichere Industriearbeitsplätze, verbindliche Investitionen in die deutschen Standorte, eine aktive Industriepolitik mit Zukunftsperspektive sowie den Erhalt von Produktion und Know-how.
Zusammenhalt als Antwort auf den Druck
Die Kundgebung endete nicht mit Resignation, sondern mit Entschlossenheit. Die Beschäftigten machten deutlich, dass sie bereit sind, für ihre Interessen einzustehen – gemeinsam und solidarisch.
Denn was heute bei Mercedes-Benz verhandelt wird, betrifft nicht nur einen Konzern. Es geht um die Zukunft industrieller Arbeit in Deutschland. Es geht um die Frage, ob Mitbestimmung, Tarifverträge und soziale Standards auch morgen noch Bestand haben. Für ein Grußwort war so auch Andreas Kölpin, Vertrauenskörperleiter bei Bosch Feuerbach, auf der Bühne und sprach die Solidarität der dortigen Kolleginnen und Kollegen aus. Er stand exemplarisch für zahlreiche Menschen, die bei der Kundgebung solidarisch an der Seite der Beschäftigten waren.
Die Botschaft aus Untertürkheim war unmissverständlich: Zukunft braucht Investitionen, Perspektiven und Respekt vor den Menschen, die den Erfolg eines Unternehmens erwirtschaften. Ohne Solidarität gibt es keine Stärke. Ohne Mitbestimmung keine gerechte Transformation. Und ohne Tarifvertrag keine verlässliche Zukunft für die nächste Generation von Industriebeschäftigten.